Achtsamkeit ist mehr...

Achtsamkeit ist mehr...
Photo by Lesly Juarez / Unsplash

...als nur im Moment sein.

Über buddhistische Wurzeln, moderne Selbstoptimierung und die Frage, wofür wir eigentlich achtsam sein wollen.

Achtsamkeit ist überall. Wir üben, im Jetzt zu sein und bewusst zu atmen, um unser Stresslevel zu verringern, besser zu schlafen und gelassener durch den Alltag zu gehen. Krankenkassen-Apps, Kurse und Retreats versprechen mehr Ruhe, endlich Entspannung und Wohlbefinden. In einer Welt, die immer schneller wird, wächst bei vielen die Sehnsucht nach Momenten, in denen wir einfach nur sein und uns wieder spüren können.

Darin liegt eigentlich etwas Wertvolles.

Doch während Achtsamkeit als Begriff – ähnlich wie Nachhaltigkeit – gerade überstrapaziert ist, gerät manchmal in Vergessenheit, woher sie eigentlich kommt und dass sie ursprünglich in einen viel größeren Zusammenhang eingebettet ist.


Was bedeutet Achtsamkeit?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der ständig alles optimiert werden soll: unsere Ernährung, unser Schlaf, unsere Konzentration und natürlich am wichtigsten unsere Leistungsfähigkeit. Davon bleibt auch unser inneres Erleben nicht unberührt: Negative Gefühle besser regulieren, Stress bewältigen und natürlich einfach resilienter werden.

Achtsamkeit kann helfen, innezuhalten und eigene Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen oder überhaupt erstmal zu erkennen. Doch sie kann auch leicht zu einer weiteren Aufgabe auf unserer langen To-do-Liste werden: Wir meditieren, damit wir anschließend wieder besser funktionieren. Wir üben Entspannung, weil wir endlich entspannter sein möchten, um wieder mehr zu leisten.

Dabei stellt sich mir die Frage: Hilft uns Achtsamkeit lediglich dabei, so eben gerade mit den aktuellen Anforderungen unseres menschlichen Lebens zurechtzukommen? Oder unterstützt sie uns tatsächlich auch dabei, dieses Leben, unser Denken und Handeln und die Anforderungen an uns (von innen und außen) kritisch zu hinterfragen?

Die moderne Achtsamkeitspraxis ist vielfältig und kann tatsächlich wertvolle Impulse geben. Doch wenn Achtsamkeit ausschließlich der individuellen Stressbewältigung für den Moment dient, gerät eine Dimension aus dem Blick, die in ihrem buddhistischen Ursprung zentral ist: die Verbindung von Wahrnehmung, ethischem Handeln und Weisheit.

Achtsamkeit im Buddhismus

Der ursprüngliche Begriff sati (aus dem Pali-Kanon) wird im Deutschen mit Achtsamkeit und im Englischen mit Mindfulness übersetzt. Im buddhistischen Kontext ist damit jedoch mehr gemeint als die bewusste Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks und das „Im-Jetzt-Sein“.

Rechte (also richtige, ehrliche und korrekte) Achtsamkeit ist ein wichtiger Teil des Edlen Achtfachen Pfades der Lehren des Buddhas, der den Weg zur Befreiung vom Leiden beschreibt. Dieser umfasst insgesamt acht miteinander verbundene Aspekte, die alle von Bedeutung sind und zusammengehören: rechte Sicht, rechte Absicht, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit und rechte Sammlung.

Der Pfad verbindet somit die eigene reflektierende Einsicht und geistige Übung mit einer ethischen Lebensführung. Achtsamkeit steht nicht isoliert für sich.

Sie ist eingebettet in die Fragen:

  • Wie verstehen wir die Wirklichkeit?
  • Wie wollen wir handeln?
  • Wie wollen wir dem eigenen menschlichen Leben sowie anderen Wesen begegnen?

Es geht also nicht nur darum, Gedanken und Emotionen wahrzunehmen, ohne unmittelbar auf diese zu reagieren. Sondern auch darum, unsere Gewohnheiten zu erkennen: unser Festhalten an dem, was uns angenehm ist, unsere Abwehr gegenüber dem Unangenehmen und unsere Vorstellungen davon, wie die Dinge sind und sein sollten, damit wir glücklich und zufrieden sein können.

Jack Kornfield Zitat

Eine ethische Praxis, Meditation und Reflexion, kann uns dabei helfen, bewusster zu handeln, statt automatisch unseren gewohnten Reaktionen zu folgen, von denen so einige für uns gerade aufgrund von Gewohnheit oft schädlich sind, z.B. ungesunde Ernährung, wenn wir gestresst sind oder überarbeitet.

Dabei geht es mir nicht darum, moderne Achtsamkeitsangebote als falsch oder oberflächlich abzuwerten. Ich unterrichte selbst einige Methoden und bin ein großer Fan vom "Im-Jetzt-Sein". Vielmehr lohnt es sich, für ein tieferes Verständnis und eine tiefere Auseinandersetzung (auch in Bezug auf die Umwelt, alles, was uns umgibt und auf andere Lebewesen) den größeren philosophischen Hintergrund zu entdecken. Und da kommen wir zum Mitgefühl (Pali: karuṇā).

Von Selbstoptimierung zu wirklichem Mitgefühl

Im Alltag fragen wir uns häufig: Wie kann ich gelassener werden? Wie gehe ich besser mit Stress um? Wie kann ich besser für mich sorgen?

Diese reflexiven Fragen sind wichtig für ein gutes Leben. Doch eine buddhistisch geprägte Perspektive eröffnet weitere und tiefere Fragestellungen: Wie begegne ich meinem eigenen und dem Leiden anderer? Wie erkenne ich überhaupt, dass es Leiden ist? Wie gehe ich mit anderen Menschen um? Und welche Verantwortung trage ich mit meinem Handeln für meine Mitmenschen, die Natur und die Welt, in der wir miteinander leben?

Mitgefühl ist in buddhistischen Traditionen eng mit der spirituellen Praxis und der Philosophie des Interbeing verbunden. Ein Begriff, der Thich Nhat Hanh zu verdanken ist und verdeutlicht, dass alle Phänomene – alle Dinge und Lebewesen auf der Erde – untrennbar miteinander verwoben und voneinander abhängig sind. Nichts auf dieser Welt existiert völlig für sich alleine. Das ist das buddhistische Konzept der Leerheit.

Leerheit (sanskrit: shunyata) bedeutet im Buddhismus zum einen, dass nichts einen unabhängigen, dauerhaften Wesenskern besitzt und zum anderen, dass alles in wechselseitiger Abhängigkeit voneinander entsteht. Sie bedeutet daher nicht, dass nichts existiert oder das Leben "leer" ist. Am Beispiel eines Stuhls: Sitzt du gerade auf einem Stuhl? Woher kommt dieser Stuhl? Wer war an der Herstellung des Stuhls beteiligt? Wer hat das Holz bearbeitet? Wer hat den Baum gefällt? Wie hat sich der Baum ernährt, um zu wachsen? Woher kamen die Nährstoffe? Und so weiter...

Miteinander als Interbeing

Achtsamkeit zeigt uns diese Verbundenheit des Miteinanders als Interbeing mit allem (allen Phänomenen) um uns herum. - Mit allem Guten, Schlechten, Leid und Freude, im Hier und Jetzt gleichzeitig für uns existierend und somit erfahrbar. Ein Bewusstsein dafür zu entwickeln sowie Kontemplation und Reflexion darüber bei sich selbst und anderen zu fördern, führt langfristig zu einem mitfühlenden Handeln.

Wenn du mehr darüber wissen möchtest, empfehle ich dir The Other Shore von Thich Nhat Hanh, ein für mich sehr wichtiges Buch, in dem der für uns im Westen sehr wichtige und berühmte Zen-Mönch und Gelehrte das Herz-Sutra, das Sutra der höchsten Weisheit aus dem Mahayana-Buddhismus, für die moderne Welt verständlich erklärt.

Eine kurze Geschichte über Mitgefühl, die ich diese Woche erlebt habe und die mich sehr beeindruckt hat: Ich war beruflich in Berlin und habe mir nachmittags zwischendurch einen Tee und ein Stück Kuchen an einer Bäckertheke bestellt. Der nette junge Mann an der Theke hat mir dann empfohlen, das "Special" zu bestellen, wodurch ich 1,50 Cent sparen würde. Das fand ich dann so nett, dass ich ihm das Wechselgeld gerne im Sinne von "Stimmt so" dalassen wollte. Er hat sie mir zurückgegeben und gesagt, dass ich sicherlich noch jemanden finden würde, der diese 50 Cent dringender bräuchte als er selbst. Das hat mich tief berührt. So eine kleine und feine Geste, die so viel aussagt über einen Menschen.

Wenn du einmal damit anfängst, dich mit deinem eigenen Interbeing in der Welt zu beschäftigen, wird sich deine Sichtweise auf die Ausrichtung des Begriffs der Achtsamkeit, wie er allgemein verstanden wird, langfristig verändern. Und vielleicht geht es dann nicht mehr darum, dass wir kleinen "Ego-Monster" uns immer besser fühlen wollen, als wir es gerade tun. Vielleicht geht es vielmehr darum, wie wir anderen mitfühlend begegnen und welchen Beitrag wir damit zu einem achtsameren und mitfühlenderen Miteinander im "großen Ganzen" leisten können.

ATEMPAUSE: Ich lade dich ein, in diesem Moment innezuhalten. Lenke deinen Fokus auf das Bild und atme dreimal langsam tief ein und aus.

Wenn du magst, probiere nun die beiden kleinen Übungen (im Detail zum Runterladen unten) aus, die ich für dich zusammengestellt habe. Sie laden dazu ein, für einen Moment innezuhalten und den modernen Achtsamkeitsbegriff mit einer freundlichen, mitfühlenden Haltung zu verbinden:

  • Einen Moment lang nichts verändern: deinen Körper wahrnehmen, so wie er jetzt gerade ist (sitzend, stehend, liegend usw.) ohne etwas korrigieren zu müssen.
  • Mitgefühl in deinen Alltag einladen: wohlwollende Wünsche für andere und dich selbst entwickeln, wirklich fühlen und daraus eine konkrete Handlung ableiten (auch bekannt als Metta-Meditation).

Achtsamkeit muss nicht zu einer weiteren Aufgabe werden, die wir möglichst gut "auch noch" erfüllen müssen. Sie muss nicht jede kleine Unruhe beseitigen und nicht jedes unangenehme Gefühl in etwas Positives verwandeln können.

Manchmal beginnt sie damit, an einem Tag wie heute einfach nur wahrzunehmen, was gerade da ist, ohne es verändern zu wollen oder mit eigenen Bewertungen hineinzugehen (Schulter tut grad weh => Aha und nicht Oh nein).

Und vielleicht führt sie uns von dort aus zu einer tieferen Frage:

Was kann ich heute tun, um einem anderen Menschen oder Lebewesen mein Mitgefühl zu zeigen?

Nicht, um als Mensch noch besser zu funktionieren. Sondern um als Mensch bewusster und mit offenem Herzen durch diese faszinierende Welt mit allem, was gerade passiert, zu gehen. Mikedrop. ; )

May you be healthy

May you be happy

May you be safe


Wenn du weiterlesen möchtest...

...und dich jetzt mehr für Buddhismus interessierst:

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...und dich jetzt für moderne Achtsamkeit wissenschaftlich betrachtet interessierst:

Für eine kritische Perspektive auf die moderne Achtsamkeitskultur lohnt sich außerdem die Forschung zur Kommerzialisierung und gesellschaftlichen Einbettung von Achtsamkeit. Die folgenden Veröffentlichungen bieten hier gute wissenschaftliche Anknüpfungspunkte für eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Thema:

  • Chachignon et al. (2024): Mindfulness research and applications in the context of neoliberalism: A narrative and critical review. Eine kritische Perspektive auf Achtsamkeit im gesellschaftlichen Kontext. Zum Artikel
  • Jinpa (2019): The question of mindfulness’ connection with ethics and compassion. Zur Verbindung von Achtsamkeit, Ethik und Mitgefühl. Zum Artikel
  • Shulman (2024): Ethics, Mindfulness, and Consciousness: A Study of Their Relation in Early Buddhism. Zur Bedeutung von Ethik und Achtsamkeit im frühen Buddhismus. Zum Artikel